Eine Kurzgeschichte über den Alltag mit Zöliakie
Es klebt an mir
Ich geh aus dem Haus – es ist schon bei mir – es begleitet mich auf Schritt und Tritt. Es ist oft ganz still und heimlich und nicht immer sichtbar. Doch vergesse ich es nie an meiner Seite. Würd ich das tun, dann riskierte ich, dass aus Leise laut und groß wird und ich die Kontrolle verliere.
Es versteckt sich meisterhaft. Manchmal tarnt es sich als harmloser Aromaträger oder als Bindemittel in einer cremigen Sauce. Sogar an einem Messer oder einem Brettchen kann es haften bleiben, unsichtbar und doch präsent.
Es haftet an meinen Gedanken, an jedem Tag und lässt mich manchmal auch an schönen Dingen gar nicht recht teilnehmen. Wenn wir gemeinsam am Tisch sitzen, flüstert es mir Misstrauen ein.
„Ist das sicher?“, frage ich leise in die Runde. „Ach, hab dich nicht so“, antwortet es, „ein winziger Bissen wird schon nicht schaden.“ Ich schüttle den Kopf. Mein Lächeln bleibt fest, während sich in mir alles zusammenzieht. Ein einziger Kontakt, kaum messbar, und die Ruhe wäre vorbei. Meine eigene Abwehr würde sich gegen mich selbst richten, die Darmschleimhaut angreifen und die feinen Zotten zerstören, die eigentlich meine Kraftreserven füllen sollen. Schon kleinste Mengen reichen aus, um diesen
Sturm zu entfachen.
Ich würde es niemals zulassen. Nicht, wenn ich es verhindern kann. Doch genau hier liegt der Kampf:
In der vermeintlichen Sicherheit, die mir andere suggerieren. Es ist ein ständiges Abwägen zwischen Vertrauen und Gefahr. Während andere nur ein Essen sehen, sehe ich ein Risiko, das ich nicht eingehen darf. Denn für mich gibt es keine Ausnahme, keine Pause und kein „nur dieses eine Mal“. Jede Unachtsamkeit wäre ein Schritt zurück in den Schmerz, ein Verlust der mühsam bewahrten Kontrolle.
Ich bleibe wachsam, auch wenn es anstrengend ist.
Es schaut mich an mit großen Augen. Geh ich auf Reisen, kommt es mit. Ich möchte es klein halten, kontrollieren – mal vergessen. Aber es gibt keinen Urlaub von ihm. Es ist eine lebenslange Verbindung, ein Vertrag, den ich nicht unterschrieben habe und der doch strikte Treue verlangt, um gesund zu bleiben.
Vielleicht sollte ich Freundschaft schließen mit meinem täglichen Begleiter, ihn mit Respekt betrachten. Ihn jeden Tag begrüßen – vielleicht muss ich ihn beim Namen nennen:
GLUTEN * – ich halte dich auf Abstand, denn ich vertrage dich nicht – du machst mich krank. Und doch wirst du immer in meiner Nähe bleiben.
Also bleibe ich wachsam. Nicht ängstlich. Sondern bewusst.
Das ist mein Alltag.
Fachliche Erläuterung:
*Gluten ist das sogenannte Klebereiweiß. Es handelt sich um ein natürliches Stoffgemisch aus Proteinen, das in Getreidearten wie Weizen, Roggen und Gerste vorkommt. In Verbindung mit Wasser bildet Gluten eine elastische, klebende Struktur – sie sorgt zum Beispiel dafür, dass Teige dehnbar sind und gut zusammenhalten.
Gluten findet sich nicht nur in offensichtlichen Getreideprodukten, sondern häufig auch „versteckt“ in verarbeiteten Lebensmitteln, etwa als Bindemittel, Verdickungsmittel oder Aromaträger. Auch in Küchengeräten können Glutenrückstände bleiben und so zu unbeabsichtigtem Kontakt führen.
Zöliakie ist eine lebenslange, chronische Autoimmunerkrankung.
Bei Betroffenen reagiert das Immunsystem auf Gluten und greift dabei die Darmschleimhaut im Dünndarm an. Schon kleinste Mengen Gluten können eine Entzündungsreaktion auslösen und die Darmzotten schädigen, die für die Nährstoffaufnahme verantwortlich sind.
Eine medikamentöse Behandlung gibt es nicht.
Die einzige wirksame Therapie ist eine strikt lebenslange glutenfreie Ernährung. Nur so lassen sich Entzündungen, Zottenatrophie und mögliche Mangelerscheinungen vermeiden.
